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#2002  Saphir, M.G.: Gusikow's Tod, in: Musik-Anthologie, 1841, Stuttgart: article (German re-translation from ?)

#2001  Saphir, M.G.: Joseph Gusikow in Frankfurt am Main, in: Stroh- und Holz-Variationen, Theaterzeitung, 1835, Vienna (Gesammelte Schriften IV, p 107): article (German re-translation from ?)

#2003 "Unter anderem zitiert sie auch die Kritik des Aachener Konzertes von J.M. Gusikow im Jahre 1837", in: Stadt-Aachener Zeitung, 21 October 1837, Aachen: article (excerpt) (German re-translation from ?)

 

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#2002  Saphir, M.G.: Gusikow's Tod, in: Musik-Anthologie, 1841, Stuttgart: article (German re-translation from ?)

"Wer weiss, wie viele andere Saiten dieser Joseph Gusikow im Leben anschlug, ohne Anklang, ohne harmonische Erwiederung zu finden! Holz und Stroh allein verstanden ihn, im Holz und im Stroh allein wohnten weinende, klagende, jammervolle Töne, die ihn und seine Wehmuth und seinen Schmerz verstanden, und mit him weinten und mit him klagten!"
(M.G. Saphir, am 21. Juni 1835.)

Mit obigen Worten habe ich Gusikow eingeführt in die öffentliche Welt. Es sind über zwei Jahre. Er kam hieher nach Wien, vor ihm ging weder die Feuersäule eines grossen Renommées, noch die Wolkensäule, die den goldenen Regen auf fruchtbare Ankündugungen sendet. Er kam aus der Wüste seines jungen Lebens, durch welche er mit der Bundeslade seiner Kunst einsam zog; ihm träuselte kein Manna aus den Lüften, und keine Wachtelwolke leerte seinen Segen über ihn aus.

Er gab ein Konzert; aber Joseph Guskow war unbekannt, er brachte keine Empfehlungen und keine lobenden Kritiken mit, und das Konzert war leer, und kein Mensch sprach von Joseph Gusikow, von dem armen polnischen Juden, der einige Zeit darauf in den Salons von Wien und Paris gefeiert wurde!

In einem kleinen Zimmer aber in der Wipplingerstrasse waren versammelt einige Frauen und Herren, Schriftsteller und Künstler, und der Herr dieses kleinen Zimmers war ich, und ich sagte: "Meine Herren und Damen, ich werde Ihnen vorführen den armen Reb Joseph Gusikow aus Polen, der nicht spielt die schwindsüchtige Flöte, und nicht das plappernde Piano, und nicht die Charpie-rupfende Guitarre; sondern das "Holz- und Stroh-Instrument," die Kinor Ebol (Trauerharfe) aus Babylon, in welcher wohnen die Ahngeister seiner Vorfahren, aus welcher herausweinen die Seelen der zertrümmerten Psalter Davids; aus welcher die Töne irrend herausflattern, wie die ausgejagten Schwalben Tsions, aus deren geöffneten Poren herausquillen die Regino's und Schigjones der entsaiteten Königsharfe, und deren ausgehauchter Klang nichts ist, als das Wanderlied Ahasvers, von Misrach bis Marob (von Osten bis Westen), der nirgends Echo, nirgends Anklang, nirgends Gegenklang findet."

Und Joseph Gusikow spielte seine heimische Weise auf der Polyglotte aus Holz und Stroh, und die Männer in meinem kleinen Zimmer standen sinnend und horchend, und die lieblichen Frauen und Mädchen vergossen Tränen über Klagen, die sie nicht verstanden, über singende, ausgetriebene Klagegiester, die sie hörten, deren Schmerz sie aber nicht begriffen; und als er aufhörte, da traten die Holden hin zu dem armen polnischen Juden, mit dem blassen Antlitz, und mit dem Schmerz, dem Malerzeichen der Kunst, um den gekrausten polnischen Bart, und sie sagten ihm viel Schönes und Herzliches, ihm, dem bis jetzt kein Ton entgegenkam, als der aus seinem Holze!

Ich sprach darauf öffentlich ein paar Worte zu dem Wiener Publikum für den armen, polnischen Juden, der wohl wusste Stroh und Holz zu spielen, aber nicht Journale und Recentsenten, anderes Holz und Stroh! Bald darauf erkannte das kunstsinnige Wien das eigentümliche, wundersame Talent, und mit den Lorbeeren Wiens um die bleichen Schläfe, begann Gusikow seine Wanderung durch Europa, und überall fand er empfängliche Seelen für die Sprache seines Instrumentes; überall fühlende Herzen und offene Gemüther für seine wundersame Kunst. Dass der arme Kanaanite auch auf dieser Wüsten-Wanderung auf Midian und Moab aufstiess; dass ihm auch hier dann und wann ein Amalek die schöne Pilgerfahrt verbitterte, ist nicht zu verwundern. Ist doch jede Kunstfahrt eine Fahrt nach dem gelobten Lande, und an beiden Seiten der Strasse lauern die Midjaniten und die philiströsen Gewürzkrämer, um zu spotten und zu höhnen!

Und die Rotten, die schon dem wandernden Propheten ihr "Aleh Korech!" nachriefen, und ihn ausspotteten, sie fehlten auch nicht am Wege Gusikow's, des armen, polnischen Juden. Sie haben ihn parodiert, und versucht, sein Instrument nachzuäffen; sie haben ihm sein Instrument gestohlen; sie haben ihm seine Zunge gestohlen, seine Sprache, und haben ihn allein gelassen, ohne Sprache, ohne Dolmetsch, in einer Welt, die ihn nicht verstand, unter Menschen, zu denen er nicht reden konnte; ein plötzlich Stummgewordener in Mitten eines ihm lauschenden Zirkels!

Der Gott seiner Väter aber, der da eingesammelt hat die Asche seiner Väter zu der Asche seiner Vorväter, der die Taube zurückführte in die Arche, als sie keinen Ruhepunkt fand, der den frommen Knaben im Gefängnisse hat gelehrt die Träume deuten und vor Pharoa zu treten; er, der Allmächtige, rief ihn zu sich in seinem zweiunddreissigsten Lebensjahre, und er legte aus seinen Händen das Holz- und Stroh-Instrument, und faltete sie, und er sprach zu den weinenden Brüdern, die um ihn standen und beteten: "Höre Israel!" und laut schluchzen: "Ihr werdet heimkehren zu meiner Frau und zu meinen Kindern ohne mich, ich aber kehre heim zum ewigen Vater, an dessen Thronstufen sitzt David, der königliche Harfenschläger, und ich werde mit ihm singen seine unsterblichen Lieder!"

Und ein Kuss des Friedens nahm seine Seele von seinen bleichen Lippen, und trug sie hinüber in das Stiftszelt des Herrn des Himmels und der Erde. Das Holz- und Stroh-Instrument seiner sterblichen Hülle lag ton- und lautlos da, und wurde zur Erde bestattet in Aachen; und Joseph und seine Brüder wandelten stumm und dumpf zu seinem Grabe. Aus seinem Instrumente aber entrang sich einer der wehmüthigsten und nationalsten Accorde, und rang sich wie ein fliehender Engel weit fort durch die Lüfte bis nach Polen in seine Heimat, und es sassen Joseph Gusikow's Frau und seine Kinder einsam um ein spärliches Licht, und sie gedachten des fernen Gatten, des wandernden Vaters, und sie beteten einen Psalm für sein Leben und sein Wohl, - da floss ein Klang her durch die Lüfte, weich und sanft und klagend, wie die Töne des Vogels, der über das Nest seiner Jungen kreist; und eine bekannte Melodie floss an ihr Ohr, und es tönte lange und anhaltend:

"Der Engel, der mich von allem Uebel erlöst hat, segne diese Kinder!"
(Genesis. 48.)

Und der Ton verklang, und die Gattin und die Kinder ahnten den Tod des Vaters, und sie rissen ihr Kleid auseinander, und weinten lange und bitterlich, und beteten leise und sprachen:
"Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!"
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#2001  Saphir, M.G.: Joseph Gusikow in Frankfurt am Main, in: Stroh- und Holz-Variationen, Theaterzeitung, 1835, Vienna (Gesammelte Schriften IV, p 107): article (German re-translation from ?)

Gleich dem ersten Helden unserer lebenden Instrumentalisten ist jetzt Joseph Gusikow auf seinem Holz- und Strohinstrument gefeiert. Holz und Stroh! - Gibt es ein besseres Requisit, um eine Welt in Flammen zu setzten, als dieses? Zerbrecht eure Geigen, ihr Paganini und Mesoni! Zerreisst eure Saiten ihr Thalberg und Chopin! Hört auf zu schlagen, all' ihr italienischen und deutschen Nachtigallen! Der Schall ist gleich dem Klang geworden, und das tonlose tritt mit euch in die Schranken. Guskow rollt sein Instrument zusammen, der Sturm des Enthusiasmus weht hinein, und der Scheiterhaufen ist fertig, der euren langen glänzenden Ruhm zu Asche brennt. Aber ich will Gusikow damit nicht anklagen. Muss er doch riesenmässig wachsen in der Meinung der Adepten, je tiefer sein unclassisches Instrument in derselben sinkt. Gusikow prahlt nicht mit Rang und Titel. Er nennt sich "Virtuos auf dem Holz- und Strohinstrument," und er hält mehr als er verspricht. Ich unterscheide den Virtuosen von dem Künstler, und Gusikow darf kühn in die Reihen der letzteren treten. Ich kenne dieses Mannes Biographie nicht, aber ich sehe ihn, von einem unbesiegbaren Hange getrieben, umherirren, die Ahnungen seines Innern zu versinnlichen. Er kannte noch nicht die wunderbare Wirkung unserer Instrumente, und dennoch war alles Musik, was ihn umgab. Die Stimme der Tiere, der Gesang der Vögel, das Murmeln der Bäche, das Säuseln der Lüfte in den Bäumen und im Schilfrohre des Meeres, Alles erfüllte ihn mit Sehnsucht, auch Töne zu schaffen. So entstand dem Mittellosen nach und nach dies einfache Mittel, seine innere Sprache zu verkünden. Allein der Autodidakt blieb nicht unbemerkt. Er trat in die Welt, sah, hörte, verbesserte seine Holzstäbchen, bildete sich seine Tonfolge nach unserer Scala, und entwickelte die Aeusserung eines anfangs dunkeln Gefühls zur bewustvollen Fertigkeit unserer Kunstsprache. Aber Gewohnheit, Dankbarkeit und der jedem Menschen angeborene Trieb nach dem Seltsamen machten ihm sein Instument unentbehrlich; - er trennt sich nicht mehr von ihm, und so verkündet nun Gusikow seine innenwohnende Kraft fortwährend auf den rohen Stoffen, die ihm früher seiner musikalischen Entwickelung erster Zustand geschaffen.

Und wesshalb sollte man Gusikow den Namen Künstler versagen? - Weil er nicht nach Noten musiziert, oder die Musik seiner Seele nicht nach contrapunktischen Argumenten schnitzt? - - Ich will hier einhalten, um mich nicht sehr tief in die traurige Kunstgeschichte unserer Zeit zu verlieren. Nur frage ich noch: wer steht höher, der, welcher aus volltönenden Stoffen, und im Besitz aller der überreichen Mittel des herrschenden Kulturschrittes ewig nur Holz und Stroh reproduziert, oder der, welcher auf Holz und Stroh die ganze Poesie eines wahrhaften Ingeniums zu verkünden vermag? - Und das Leztere tut wahrlich Gusikow. Abgesehen von der unbegreiflichen Fertigkeit, womit er, vermittelst zweier einzelner Schlägel auf ein paar Dutzend hölzerner Stäbe und Stäbchen, die auf Strohbändern ruhen, Schwierigkeiten übertändelt, die man oft nicht von zehn gesunden Fingern vollkommener besiegen hört; - abgesehen also von einer möglichst ausgebildeten Technik in jedem Genre des Passagen - und Trillerwesens, macht er uns durch so kühnen als geschmack- und geistvollen Vortrag die Sub-alternitäat seines Instrumentes völlig vergessen, und mich sollte gar nicht wundern, wenn bald durch ihn ein Zweiter Schüler entstünde, der statt einer "Laura am Clavier" einen "Gusikow am Holz- und Strohinstrument" besingen würde. Dazu sein etwas phantastisches Aeusseres, die Electricität seines ganzen Wesens, während er spielt - aber man muss das hören und sehen zugleich. - Ist Etwas zu beklagen, so dürfte es die Richtung sein, die Gusikow's Virtuosität in der Wahl von Quodlibets aus Norma, Zampa, Robert und Strauss'scher Tänze genommen. So eine aussergewöhnliche Erscheinung sollte in Allem aussergewöhnlich sein.

Seinen Variationen von Mayseder und dem Glökchenkonzert sind übrigens ein verständiges und satzgemässes Arrangement nicht abzusprechen. Dass sich der Künstler eines ausgezeichneten Auditoriums und Beifalls zu erfreuen hatte, liess sein Ruf erwarten.

Was endlich die Erfindung dieses Instruments betrifft, die sich der Virtuoso zuschreibt, so weiss er wohl nicht, dass schon Wenzel Müller in seiner Oper, "Die Schwestern von Prag" ein ganz ähnliches auf die Bühne brachte, unter dem Namen "Gelächter" bekannt; und manchem Frankfurter wird es noch erinnerlich sein, wie unsere beiden Buffons, Lur und Hassel, besonders der Letztere, durch ganz wacker durchgeführte Variationen in dieser Oper auf diesem Instrumente manches Da capo erregten.

Aber eben so wenig wie Gusikow kann W. Müller der Erfinder dieses "Gelächters" gewesen sein, da sich schon die Chinesen lange vor Christi Geburt eines ähnlichen Instruments bedient haben. Nach Burney's Angabe war es eine Art von Sticcado aus Holstäbchen von verschiedener Länge bestehend, und von metallreichem Klange. Die Stäbe seien über eine hohe Vase in der Form eines Schiffsbauches angebracht gewesen, und Burney will dieses Instrument, das keine halben töne hatte, bei dem Abbé Arnauld in Paris als dessen Eigentum gesehen haben. Dass unser Konzertgeber eine ähnliche Entdeckung gemacht, dieselbe vermehrt und nach dem diatonsichen Klanggeschlecht neu construiert habe, will und kann ich nicht bestreiten.
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#2003 "Unter anderem zitiert sie auch die Kritik des Aachener Konzertes von J.M. Gusikow im Jahre 1837", in: Stadt-Aachener Zeitung, 21 October 1837, Aachen: article (excerpt) (German re-translation from ?)

Unter anderem zitiert sie auch die Kritik des Aachener Konzertes von J.M. Gusikow im Jahre 1837.

Der Auszug:
... "J. M. Gusikow hat die Musik nicht nur bereichert, aber in die widerstrebenden Elemente Musik hineingebracht. Sein Instrument hatte so wenig Klang, als irgend eins, aber die Behandlung gab ihm Sprache. Er hatte den Geist seines Instruments erfasst, so viel in demselben schlummern konnte, und ihn sich dienstbar gemacht mit vollendeter Meisterschaft und geistreicher Auffassung. Er meisselte nicht bloss, er gab seinem Werke auch eine Seele. Die Saite tönt und singt unter dem Striche des Spielenden, dem Holze und Stroh konnte die Melodie nur durch die rapideste Behandlung entrissen werden. Man musste nicht zur Besinnung kommen über die Trockenheit und Leere des einzelnen Tons, sondern gleich durch einen Wurf von Tönen den Gedanken mit einem Male fertig erhalten . . ."
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